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Kurz & Knapp: Die Funktion & Physiologie von Schmerz

Kurz nicht aufgepasst und schon macht der dicke Zeh Bekanntschaft mit dem Türrahmen. Noch bevor wir realisieren, was gerade passiert ist, durchfährt uns ein stechender Schmerz. Aua! Aber wieso spüren wir eigentlich Schmerz?

Funktion von Schmerz

Schmerzen entstehen bei Überlastung oder Verletzung von Gewebe. Ein Schmerzreiz fungiert als Warnung, um den Körper nicht länger einem schädlichen Stimulus auszusetzen. Die Warnfunktion ist wichtig für den Erhalt der Gesundheit. Bleibt der Schmerz aus, kommt es häufig zu Verletzungen. „Congenital insensitivity to pain and anhidrosis“, kurz CIPA, bezeichnet einen seltenen Gendefekt, der Betroffene keine Schmerzen spüren lässt.  CIPA-Betroffene sind jeden Tag Gefahren ausgesetzt. Sie spüren nicht nur keinen Schmerz, auch Unterkühlung oder Überhitzung nehmen sie erst spät oder sogar gar nicht wahr. Knochenbrüche und andere Verletzungen passieren ihnen oft, da die Warnfunktion des Schmerzes fehlt. Sie beißen sich im Schlaf auf die Zungen oder reiben die Augen bis der Sehnerv irreparabel beschädigt ist. Ohne Schmerzreize sind viele Betroffene im Laufe ihres Lebens auf Rollstühle und fremde Hilfe angewiesen. Ihre Körper erleiden so viele Verletzungen, dass nur selten Langzeitfolgen ausbleiben. Weltweit sind weniger als 100 Fälle des Gendefekts bekannt. Aber alleine diese zeigen, welche Auswirkungen ein Leben ohne Schmerz hat. Schmerz ist ein Freund, der anzeigt, dass etwas nicht stimmt und dank dem darauf reagiert werden kann. Ein Leben ohne Schmerz klingt wie der Himmel und ist die Hölle.


Physiologie von akutem Schmerz

Die heiße Herdplatte angefasst. Autsch! Aber: Warum schreckt die Hand zurück, bevor wir den Schmerz wahrgenommen haben? Der Schmerzreiz wird von unterschiedlichen Typen von Nozizeptoren zuerst an das Rückenmark weitergeleitet. Von dort aus zweigt das Signal über einen so genannten Reflexbogen in die Muskulatur der entsprechenden Gliedmaßen ab. Wir zucken zurück, noch bevor das Signal im Gehirn angekommen ist und verarbeitet wurde. In fast jedem Gewebe kommen die Schmerzrezeptoren vor. Nur in Leber und  Gehirn sind keine vorhanden. Phantomscherzen hingegen entstehen anders. Der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran erzielte den entscheidenden Durchbruch in der Erforschung des Phantomschmerz. Der Forscher der University of California untersuchte 1998 amputierte Patientinnen. Sie empfanden Berührungen an anderen Körperstellen - beispielsweise im Gesicht - als Berührungen an ihren amputierten Gliedmaßen. Daraus folgerte er die Theorie des „cortical re-mapping“. In der Großhirnrinde, also dem Cortex, gibt es spezialisierte Areale für verschiedene Teile des Körpers - ähnlich wie eine Landkarte. Die zuständigen Areale für verschiedene Körperteile erhalten keine Signale mehr und wird vom benachbarten besetzt. Empfindungen werden somit auf die fehlenden Gliedmaßen projiziert. Die Folge ist eine Fehlverarbeitung der Signale und diese, so glaubt Ramachandran, werden als Schmerz wahrgenommen.


Physiologie von chronischem Schmerz

Chronischer Schmerz ist keine Reaktion auf einen auftretenden Reiz. Er hat seine Funktion als Schadensmeldung verloren. Die neuronale Verarbeitung ist bei langanhaltenden Schmerzen verändert. Körpereigene Botenstoffe wie Endorphine und Andrenalin hemmen die Weiterleitung eines Schmerzsignals im Rückenmark. Dadurch bleibt der Mensch bei Verletzungen handlungsfähig und kann sich dem Reiz entziehen. Dieser Mechanismus funktioniert besonders gut bei kurzen und heftigen Schmerzen, jedoch weniger gut bei permanent wiederkehrenden. Auf den dauerhaften Schmerzreiz reagiert das Nervensystem. Ähnlich wie neue Verbindungen durch das Lernen in Schule, Ausbildung oder Studium entstehen. Die beteiligten Synapsen werden um- beziehungsweise ausgebaut. Das Gehirn reagiert auf Reize empfindlicher und schneller. Die Schmerzschwelle kann bei Betroffenen so weit sinken, dass einfache Berührungen wie ein Streicheln Schmerzen auslösen. Häufige Erscheinungen bei Langzeitschmerzen sind Ängste, Niedergeschlagenheit und Passivität. Und genau die begünstigen eine Chronifizierung. Die Chronifizierung muss allerdings kein Dauerzustand sein. Betroffene können durch eine andere Bewertung des Schmerzes selbst dazu beitragen. Je stärker die Emotionen, die mit diesen Schmerzreizen verbunden sind, desto höher ist auch der Schmerz. Wenn es Betroffene also gelingt, sich erfolgreich abzulenken, den Schmerz „nicht so ernst zu nehmen“, dann können sie zu einer Heilung des Schmerzsyndroms beitragen.  Eine Therapieform stellt die pharmakologisch gestützte kognitive Verhaltenstherapie dar. Schmerzmittel werden unterstützend eingesetzt, um Betroffene aus ihren Schonhaltungen zu holen. Die Erwartung des Schmerzes bei entsprechenden Bewegungen und Berührungen wird im Rahmen der Therapie abgestellt. Dadurch nimmt der Schmerz ab und verschwindet schließlich. Durch den Abbau von Angst vor dem Schmerzerleben werden die Synapsen und Zellen zumindest teilweise wieder in ihren Ursprungszustand zurückversetzt.

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